In ungefähr 13.000 Jahren wird es von der nördlichen Erdhalbkugel aus nicht mehr vollständig zu sehen sein. Wegen der Präzession, der sich verändernden Neigung der Rotationsachse der Erde, wird das Sternbild Orvoion langsam aus unserem Blickwinkel verschwinden und mit ihm der Stern Beteigeuze.

Der Stern Beteigeuze

Der Stern Beteigeuze

Sein Name stammt aus dem Arabischen. Die Beobachtung des Firmaments war schon im Altertum zuerst im sumerischen Reich, dann in Ägypten und später insgesamt in der arabischen Welt weit fortgeschritten, weiter als im europäischen Raum. Der islamische Astronom Abd ar-Rahman as-Sufi kannte diesen Stern wie jeder andere, weil er mit bloßem Auge erkennbar ist und als Teil eines scheinbar unveränderlichen Komplexes von Sternen wahrgenommen werden kann, eines Sternbildes also. Er gab ihm um 950 nach Christus einen – natürlich – arabischen Namen, der in etwa mit ‚Hand der Riesin‘ übersetzt werden kann, wobei einzelne Übersetzungen von einander abweichen. Aufgrund von Übersetzungsfehlern kam es zu Missdeutungen und Abweichungen in der Namensgebung. Deshalb ist Beteigeuze heute auch als Betelgeuse bekannt. Wie der Name richtig ausgesprochen werden müsste, ist nicht bekannt. In der heutigen Wissenschaft trägt der Stern die Bezeichnung ‚α orionis‘ oder ‚Schulter des Orion‘.

Beteigeuze ist ein Stern im Sternbild des Orion, und zwar ein Riesenstern. Er ist so groß und hell leuchtend, dass geübte Beobachter ihn ohne ein Hilfsmittel wie einem Teleskop wahrnehmen können: er erscheint uns leuchtend rot. Zu beobachten ist er in der nördlichen Hemisphäre, wie das ganze Sternbild Orion, von August bis April. Er ist dann der neunthellste Stern am Himmel, neben dem noch helleren Rigel, der ebenfalls zum Orion gehört. Beteigeuze ist einer von drei Sternen, die das sogenannte Winter-Dreieck markieren, und er kennzeichnet außerdem das Zentrum des Winter-Sechsecks. Könnte das menschliche Auge alle Wellenlängen des Lichts sehen, so wäre Beteigeuze der hellste Stern am Himmel.

Die Sterne – so nah, und doch so fern!

Wenn wir in den Himmel sehen, scheinen uns diese Lichtpunkte alle irgendwie gleich weit weg zu sein. Das ist ein Irrtum. Abgesehen davon, dass wir mit bloßem Auge und selbst mit einfachen Teleskopen ohnehin nur die nächsten Sterne in der Milchstraße sehen können, sind die Entfernungen von einem Stern zum nächsten gewaltig. Die Entfernung zu Beteigeuze kann bis heute nur grob geschätzt werden. Wissenschaftler haben sich halbwegs darauf geeinigt, dass Beteigeuze zwischen 640 und 790 Lichtjahre von uns entfernt sein dürfte. Ein Lichtjahr ist die Zeit, die Lichtwellen in einem Jahr zurücklegen, und das ist eine stattliche Strecke. Die Lichtgeschwindigkeit beträgt etwa 300.000 Kilometer pro Sekunde! Die tatsächliche Entfernung der Erde von Beteigeuze zu bezeichnen ist nur in matematischen Bezeichnungen möglich. Unserer herkömmlichen Vorstellungskraft entziehen sich solche Entfernungen vollständig. Dennoch können wir Beteigeuze sehen – allerdings erst, nachdem das von dort zu uns kommende Licht 700 Lichtjahre zurückgelegt hat. Was wir sehen, wenn wir in den Himmel blicken, ist eine weit zurückliegende Vergangenheit.

Selbst Riesen werden einmal zu Zwergen

Alles, was existiert, hat eine begrenzte Lebensdauer. Das gilt auch für Sterne, für die Sonne ebenso wie für Beteigeuze. Das ‚Mindesthaltbarkeitsdatum‘ dieses Sterns kann ebenso nur geschätzt werden wie seine Entfernung von uns. Eines aber ist klar: In einer begrenzten Zeit, die wir und unsere Nachfahren nicht mehr erleben werden, wird auch Beteigeuze ‚erlöschen‘. Nach derzeitigen Erkenntnissen ist davon auszugehen, dass aus dem Stern ein Neutronenstern werden wird. Vorerst ist Beteigeuze noch ein Riesenstern aus der Klasse der Roten Überriesen. Sein Durchmesser ist eintausend Mal größer als der unserer Sonne, und er ist zehntausend Mal heller als sie. Seine Masse wird auf bis zu zwanzig Mal so groß wie die unserer Sonne geschätzt. Würde er sich in unserem Sonnensystem befinden, so würde sein Durchmesser über den Asteroidengürtel hinausreichen und die Umlaufbahnen von Merkur, Venus, Erde, Mars und möglicherweise auch Jupiter komplett für sich einnehmen.

In einer Gegend des Orion geboren, wurden bei dem ‚Ausreißer‘ Flucht-Geschwindigkeiten von dreißig Kilometern in der Sekunde gemessen, wobei er eine enorme Druckwelle vor sich herschiebt. Wenn er seinen Treibstoff, die Gase und das Plasma, aus denen er besteht, verbrannt haben wird, wird es unübersehbar hell am Himmel werden. Beteigeuzes Leuchtkraft wird dann mindestens so hell wie ein Halbmond, vielleicht sogar so hell wie der Vollmond sein. Eine Gefahr für das Leben auf der Erde besteht anlässlich dieses ‚GAUs‘ im Weltall nicht, beteuern Wissenschaftler. Weil die Rotationsachse des in einer Supernova explodierenden Riesen nicht auf die Erde weist, werden bei dem Ereignis nicht ausreichend gefährliche Gammastrahlen hier ankommen, um das Leben auf der Erde zu gefährden.

Wann es soweit sein wird, lässt sich nicht sagen. Die einen rechnen damit, dass es im Lauf schon der nächsten tausend Jahre dazu kommen wird; andere gehen davon aus, dass es noch bis zu einhunderttausend Jahre dauern kann. Nur dass es dazu kommen wird, ist gewiss. Irgendwann ist der ‚Treibstoff‘ (siehe oben) verbraucht, und der Tank ist leer. Anders als bei einem Auto, das dann einfach stehenbleibt, setzen dann in einem Stern ungeahnte Kräfte ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hält die eigene Schwerkraft den riesigen Gasball ziemlich genau kugelförmig zusammen. In dem Augenblick, in der ‚Motor abgewürgt‘ wird, fällt die Materie in sich zusammen und explodiert. Zurück bleibt Material, das man bildlich als Asche im Kohlenherd bezeichnen könnte, allerdings so stark verdichtet, dass ein Kaffeelöffel voll von diesem Material mehrere Tonnen wiegt.

Ist Beteigeuze nun gelb oder rot?

Beteigeuzes Farbe und damit seine Zusammensetzung war lange umstritten. Ptolemäus fand ihn wie die meisten anderen Beobachter rot; Chinesischen Wissenschaftlern erschien er eher gelb. Statt als Gelber ist er aber heute als Roter Riese anerkannt. Genauere Beschreibungen dieses ‚rasenden Roland‘ unter den Sternen stammen von Sir John Herschel aus dem Jahr 1867. Ihm war aufgefallen, dass Beteigeuzes Größe und Helligkeit schwankt, und zwar um bis zu etwa fünfzehn Prozent. Zeitweise überstrahlt er sogar seinen sonst helleren Bruder Rigel. In der Folgezeit wurden diese Schwankungen immer wieder festgestellt. Über die Ursachen wird nach wie vor gerätselt. An den dank immer weiter verbesserter Technik fortschreitenden Forschungen war unter anderem Martin Schwarzschild beteiligt, dem wir die Definition des sogenannten Ereignishorizonts verdanken, der die Schwarzen Löcher zu verstehen half. Auch das bekannte Hubble-Teleskop trug zu weiteren Erkenntnissen über Beteigeuze bei. So tauchten in Zusammenhang mit dem Schwanken seiner Größe und Helligkeit Fragen über seinen Verlust an Masse auf. Astronomen fanden sechs ‚Schalen‘ rund um den Stern.

Die Frage, wie sie und andere Faktoren mit dem Ende dieses Giganten zusammenwirken, ist noch ungeklärt. Abseits aller Schwierigkeiten war es Beteigeuze als erster Stern außerhalb unseres Sonnensystems, dessen Größe anhand von Aufnahmen seiner Photosphäre gemessen werden konnte. Seinen Durchmesser genauer zu bestimmen, bleibt aber schwierig, weil er pulsiert und seinen Durchmesser immer wieder verändert. Es kann bis heute keine genaue ‚Außengrenze‘ von Beteigeuze angegeben werden. Auch die Interferometrie, die Messung unterschiedlicher Wellenlängen von Licht und anderen Strahlungen, kann bis heute keine genaue Antwort geben. Ausdehnung und Zusammenziehung seines Umfangs / Durchmessers scheinen jedenfalls mit den erwähnten ‚Schalen‘ rund um Beteigeuze zusammenzuhängen.

Immerhin dient seit 1943 Beteigeuzes Spektrum als ein Anker, um andere Sterne zu klassifizieren. Eigene Planeten scheint Beteigeuze nicht zu haben, was weitere Messungen erschwert. Sein Weg scheint sich auch nicht mit dem jüngeren Orionnebel zu überschneiden. Vor allem anderen in seiner Umgebung ist Beteigeuze gewissermaßen auf der Flucht. Was seine Zusammensetzung angeht, wird vorausgesetzt, dass er zu etwa siebzig Prozent aus Wasserstoff, achtundzwanzig Prozent Helium und 2,8 Prozent Schwermetallen besteht. Über sein Alter gibt es kaum brauchbare Hinweise.

Was heißt schon Ende?

Das Ende von Beteigeuzes Existenz ist sicher, aber was danach kommt, bleibt bis zum Ereignis selbst Spekulation. Das liegt daran, dass es zwei Formen von Supernovae gibt. Bei massereichen Sternen wird der Rest entweder zu einem Neutronenstern oder zu einem schwarzen Loch. In diesem Fall ist alles Restmaterial des Sterns derart stark verdichtet, dass der dadurch entstehenden Gravitation nicht einmal Lichtstrahlen entkommen können. Daher der Name ‚Schwarzes Loch‘. Bei weniger massereichen Sternen ist davon auszugehen, dass es den Stern nach einem komplizierten Prozess buchstäblich zerreißt. Der Rest ist Schweigen, ließe sich mit Shakespeare’s Hamlet sagen, oder vielleicht eher: ein Nebel. Bekanntester Rest einer solchen Supernova des zweiten beschriebenen Typs ist der Krebsnebel im Sternbild Stier.

Beteigeuze wird es nach vorliegenden Einschätzungen eher ergehen wie im ersten Fall. Die Wissenschaftler neigen dazu, anzunehmen, dass ‚α orionis‘ nicht als Schwarzes Loch, sondern als Neutronenstern enden wird. Aber was heißt schon Ende? Selbst der Krebsnebel ist heute noch als Materie vorhanden und beobachtbar. Beteigeuze wird, wenn die Annahmen zutreffend sind, als kompaktes Objekt im All sichtbar bleiben, vielleicht als Pulsar, der in regelmäßigen Abständen aufleuchtet. Sollte er es allerdings doch zum Schwarzen Loch bringen, wird er zwar auch weiterhin vorhanden sein, aber optisch nicht mehr beobachtbar.

Der Orion und seine Schulter Beteigeuze – ein Schmetterling?

Beteigeuze hat in seiner Heimat, dem Sternbild Orion, eine Art Zwilling, einen weiteren Stern erster Größe, den erwähnten Rigel, während es von Sternen dritter Größe bereits drei in dem Sternbild gibt. Schon im Altertum bekannt, wurden dem Orion unterschiedlichste Bedeutungen zugemessen. Die Sumerer sahen in ihm ein Schaf, und Beteigeuze war für sie dessen Schulter. Die schönste Deutung von allen ist vielleicht die der Südsee-Insulaner. Für sie ist der Orion – ein Schmetterling.